#8 ‘ Abschied – Loslassen und Co. ’

#8 ‘ Abschied – Loslassen und Co. ’

Manchmal habe ich keine Ahnung, wie Menschen es schaffen, mit dem Menschsein hier klarzukommen. Ich übe seit 56 Jahren und habe dennoch das Gefühl, noch so vieles nicht hinzubekommen.

Zumindest phasenweise. Diese Phase hier dauert nun schon eine ganze Weile, und ich habe die Nase voll. Voll davon, zuzusehen, wie Menschen auf den letzten Metern ihres irdischen Daseins entweder leiden oder/und ihr Bewusstsein verlieren. Wie sie gehen und dabei nicht natürlich und liebevoll begleitet werden können.

Meine Tante ist gestorben. 6 Wochen lang lag sie im Koma. Alle paar Tage habe ich sie besucht. Die Besuchszeit hier in Kroatien auf der Intensivstation beträgt sage und schreibe 30 Minuten täglich. Der Auskunftswille und die Empathie der Ärzte ist deprimierend. Menschsein in einer unmenschlichen Umgebung ist schrecklich deprimierend. Es macht mich wütend und traurig zugleich.

Der Mensch in seinem letzten Lebensabschnitt ist anscheinend nicht mehr viel wert.

Ich habe es bei meinen Eltern vor 2,5 Jahren hautnah miterlebt und nun auch bei meiner Tante. Im selben Krankenhaus. Isolation der Angehörigen vom Patienten. Selbstbestimmung und Persönlichkeitsrechte – Mangelware. Das Krankenhaus ist „eine Menschlichkeit verschlingende Blase mit eigenen Gesetzen“ in der alles zugunsten des Protokolls hingedreht und in Schemata gepresst wird, die mit würdevollem Sein nichts mehr gemeinsam haben.

Und wenn ich hier oben ‘ wert ’ geschrieben habe, dann meine ich damit eben diese menschliche Würde – den elementaren Wert unserer Menschlichkeit.

Diese ist für mich unantastbar. Und es gibt vulnerable Momente im Leben. Das Sterben ist verdammt nochmal so ein Moment. Der ist heilig.

Aus meiner schamanischen Wirkpraxis bin ich es gewohnt, mit Seelen zu kommunizieren. Für mich aber hieß es diesmal: nur bezeugen, nicht einmischen. Die Verbindung zu meiner Tante war seltsam gekappt. So habe ich es wahrgenommen. Durch die zu späte Reanimation hing sie irgendwo zwischen den Welten fest. Ich konnte nicht viel machen. Musste es gänzlich loslassen, irgendetwas auf der energetischen Ebene bewirken zu wollen. Es wird sicherlich seine Gründe haben, warum das alles diesen Lauf genommen hat, und mit dem Meisten davon hatte ich nichts zu tun.

Nur im Augenblick präsent sein und berühren. Musik habe ich ihr noch via Kopfhörer, je nach Gnade des Personals, vorspielen können. Ab und an habe ich manchmal unter den Argusaugen der Schwestern quasi versteckt und nebenbei eine Aromaölmassage hinbekommen. Und mit meiner Tante gesprochen. Ihr erzählt, was so los ist und dass wir sie vermissen. Dass aber, trotz dessen dass wir sie hier vermissen, das Wichtigste ihre ganz persönliche Entscheidung sei und sie den Zeitpunkt selbst bestimmen könne, wann sie loslässt.

Ihre Seele war verwirrt. Denn die Apparate und die Medikamente hielten zumindest ihren Körper noch hier fest und damit auch einen wichtigen Teil der Seelenverankerung.

Eine Sepsis hat ihrem Körper dann den Garaus gemacht und schlussendlich ihren weiteren Weg angestimmt. 6 Wochen hatte sie gekämpft, doch es sollte nicht sein. Es führte kein Weg zurück in dieses Leben, nur in den Abschied, der jetzt an der Reihe war.

Lebe wohl, Teta (Tante) Tonka. Letzte Bastion meiner Kindheit.

Danke dafür, dass Du mich bis zum 11. Lebensjahr begleitet hast und für mich da gewesen bist, als meine Mutter in Deutschland gearbeitet hat. Ich hoffe, Mama und Du könnt euch jetzt im Nachhinein endlich aussöhnen und euch wertschätzend auf den anderen Ebenen begegnen. Ich werde euren gegenseitigen Wetteifer und eure Sticheleien hier nicht vermissen. Euch beide aber schon. Sehr sogar.

Ich war 4 Monate alt und zu klein; ich konnte nicht bestimmen, wie und wo ich lebe. Habe zu viel getragen, was nicht auf meinen Schultern hätte lasten dürfen. Meine Erfolge durften selten die meinen sein, weil ihr beide darum gewetteifert habt. Meine kindlichen Fehler und Wünsche fühlten sich für mich oftmals an wie ein Verrat an einer von euch beiden. Die Worte ‘ Du bist doch wie Deine Mutter ’ oder ‘ Du bist wie Deine Tante ’ hatten niemals einen wohlwollenden, aufbauenden Ton. Ich weiß, dass ihr mich geliebt habt. Ich weiß aber auch, dass ich auf eine, hinter Fürsorge und Machtgemenge versteckte Art und Weise benutzt worden bin. Ich hatte das damals auch schon durchschaut und mich, wo immer ich nur konnte, aus dem Staub gemacht. Nicht immer ist mir das als Kind gelungen.

Ihr seid jetzt beide weitergezogen. Seltsamerweise beide in eurem 74. Lebensjahr.

Loslassen ist für mich wieder mal angesagt. Es fällt mir trotz Übung immer noch nicht leicht. Doch mein Herz sagt mir, dass es nun an der Zeit ist, mich wieder mir selbst zuzuwenden.

Mein Biomechanik-Training ist definitiv zu kurz gekommen. Mein Nacken hat wieder gelitten. Meine neu aufkeimenden Ideen haben wenig bis keinen Raum gehabt in den letzten 6 Wochen. Somit kann ich auch hier nicht viel Neues von meiner körperlichen Wiederaufrichtung und Re-Kalibrierung berichten.

Offensichtlich gehört dieses erneute Abschiednehmen zu meinem aktuellen Prozess dazu und ist eine andere Art der Re-Kalibrierung – gespickt mit tiefen Erkenntnissen auf der emotionalen und seelischen Ebene.

Das Leben passiert einfach und endet irgendwann.

Ich wünsche mir deshalb noch mehr Bewusstsein im Hier und Jetzt und weiß, damit ist schon sehr viel mehr gewonnen, als wir getriebenen Menschen uns erträumen könnten.

Denn Bewusstsein dehnt sich in alle Richtungen aus.

Irgendwann wird es auch in all die Ecken dieser Welt sickern, die vergessen haben, was menschliche Würde wirklich bedeutet.

Fangen wir derweil bei uns selbst an.

Schenken wir uns selbst die Würde, die uns trägt.

Im Hier und Jetzt.

… und wie es bei mir, nach dieser intensiven Zeit des Abschiednehmens, weitergeht und welche neu aufkeimenden Ideen und nächsten Schritte mich immer mehr in mein Wirken führen und ob Biomechanik etwas damit zu tun hat – liest Du im kommenden Blog-Beitrag …



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